03921 985032
Link verschicken   Drucken
 

Reisebericht Fahrt nach Rumänien vom 19.05. - 22.05.2019

06.07.2019

Bereits zum dritten Mal in unserer Vereinsgeschichte besuchten wir unser Partnertierheim, den Verein "Tierhilfe Hoffnung" in Pitesti. Dort befindet sich das größte Tierheim der Welt, die SMEURA,  mit ca. 6.000 Hunden und vielen Katzen. Diese Rekordzahl ist leider alles andere als ein Grund zur Freude. SECHSTAUSEND einzelne Schicksale, 12.000 Augen, die uns erwartungsvoll ansahen oder sich manchmal über die Jahre auch schon sehr zurückgezogen und sogar aufgegeben haben. Mit entsprechend gemischten Gefühlen haben wir uns auf den weiten Weg begeben. Einerseits voller Vorfreude auf unsere inzwischen langjährig befreundeten Tierschützer, anderseits mit dem Wissen, dass uns so viele Tierschicksale auch emotional sehr aufwühlen werden. Aber von vorn…

Das Gelände der SMEURA, eine ehemalige Farm für Silberfüchse, wurde im Jahre 1998 von der Tierschützerin Ute Langenkamp übernommen. Sie hat bis zu ihrem Tod im Jahre 2016 aufopferungsvoll und unermüdlich gegen das Leid und Elend der Straßentiere Rumäniens gekämpft. Angespornt von dem hohen Ziel, durch Aufklärung der Bevölkerung einen Mentalitätswechsel im Umgang mit Tieren zu erreichen und durch großflächige Kastrationskampagnen die Population langfristig einzudämmen, lebte sie ihren großen Traum. Auch über den Tod von Ute Langenkamp hinaus wird der Verein von Matthias Schmidt in ihrem Sinne voller Herzblut weitergeführt. 85 Mitarbeiter und 6 Tierärzte kümmern sich rund um die Uhr an sieben Tage in der Woche um die vielen Tiere. Welche grandiose, logistische Meisterleistung!    

Endlich in Pitesti angekommen, wurden wir sehr herzlich von Anna Maria, der Tierheimleiterin und der Tierpflegerin Valentina empfangen. Gut vorbereitet, wollten wir uns nicht nur ein Bild von der derzeitigen Situation vor Ort machen, sondern auch einige Tiere für die Fahrt nach Deutschland auswählen. Leichter gesagt als getan. Begleitend von ohrenbetäubendem Lärm in allen Höhenlagen gingen wir durch die Zwingerreihen und unsere Knie wurden immer weicher. Hunderte Hunde kamen sofort an die Gitter gestürmt, immer auf der Suche nach menschlicher Zuwendung und Aufmerksamkeit. Unzählige Augenpaare, in denen für einen kleinen Moment die Hoffnung aufkam, ausgewählt und mitgenommen zu werden, um in eine bessere Zukunft zu starten. Aber auch etliche Hunde, die ängstlich oder zurückhaltend aus ihren Hütten schauten. Und überall Hunde, die sich hinter, unter oder in den Hütten versteckten. Sie haben offensichtlich das Vertrauen in den Menschen verloren. Ihre Angst ist einfach zu groß. Und immer und überall dieser enorme Geräuschpegel, der einem fast die Luft zum Atmen nahm. Überwältigt von den Eindrücken und mit eingeschnürtem Herzen mussten wir zwischenzeitlich immer mal wieder tief durchatmen und uns sammeln. Wie sollte man denn unter diesen Umständen einige, wenige Hunde auswählen? Wie sollte man entscheiden, wer in eine bessere Zukunft reisen darf? Wie sollte man das nur mit seinem Gewissen vereinbaren? Es schien beinahe unmöglich und dennoch mussten wir Entscheidungen treffen, denn unsere Zeit war begrenzt. Unser Verein arbeitet bereits seit 17 Jahren eng mit der Tierhilfe Hoffnung zusammen und nimmt jährlich ca. 100 Hunde aus der SMEURA auf. Immer dann, wenn wir freie Kapazitäten haben, helfen wir. Doch es ist noch einmal eine ganz andere Hausnummer, sich die Hunde auf dem Foto auszusuchen und bringen zu lassen oder sie direkt vor Ort zu sehen und auszuwählen. Denn auswählen heißt andererseits auch, viele Tiere zurückzulassen. Unser Plan war es, insgesamt 30 Tiere auf die Reise nach Deutschland zu schicken. Doch was sind 30 Hunde, wenn man 5.970 zurücklassen muss? Abends im Hotel haben wir sehr lange unsere Eindrücke Revue passieren lassen und schließlich eine Übersicht aller Tiere aufgestellt, die wir auf die Reise schicken wollten. Und anschließend eine Liste für die nächsten Transporte mit den Glücklichen, die nachkommen werden. Letztendlich hat sich die Zahl der Hunde verdoppelt. Denn für jedes einzelne Tier bedeutet der Transport nach Deutschland die große und meist einzige Hoffnung auf ein erfülltes und glückliches Leben in einer liebevollen Familie. Und trotzdem bleibt immer dieses beklemmende Gefühl in der Brust, alle dort gelassenen Tiere irgendwie verraten zu haben. Auch jetzt noch beim Verfassen dieses Artikels ist es wieder präsent, dieses mulmige Gefühl. Die Pfleger vor Ort leisten hervorragende Arbeit und tun ihr Bestmögliches. Davor können wir nur den Hut ziehen. Im wöchentlichen Rhythmus versuchen die Tierschützer immer wieder, Hunde aus der städtischen Tötungsstation zu befreien. Diese befindet sich ca. 100 Meter vor den Toren der SMEURA. So bleibt ihnen der sichere Tod erspart und sie haben zumindest die Chance auf Leben. Die Situation in Rumänien hat sich in den letzten Jahren für die Straßenhunde drastisch verschlechtert. Noch vor einigen Jahren wurden die Hunde eingefangen, kastriert und wieder in ihrer vertrauten Umgebung freigelassen. Doch inzwischen fördert die EU das Fangen und Töten der Hunde. Pro Hund gibt es bis zu 250 Euro. Ein sehr einträgliches Geschäft für die  professionellen Hundefänger. Denn ursprünglich war diese Förderung für die Versorgung der Streuner gedacht. Eine Freilassung nach der Kastration ist deshalb leider nicht mehr möglich und so wächst die Anzahl der Tiere nahezu täglich. Dieses lukrative Geschäftsmodell hat zur Folge, dass Hunde in Rumänien massenhaft getötet, von Tierfängern misshandelt und oft sehr schwer verletzt werden. Immer mit diesen Gedanken im Hinterkopf, gingen wir durch die Hundeanlagen und wählten Tiere für die Reise aus. Sowohl junge und kleinere Tiere als auch ältere und große Tiere. Als Tierschützer liegen uns natürlich ganz besonders die älteren, kranken, schwachen und gehandicapten Hunde am Herzen. Wohl wissend, dass hier die Vermittlung etwas länger dauern kann oder manchmal auch reines Wunschdenken bleibt. So entdeckten wir dann auch Vierbeiner, die verunfallt waren und denen entweder ein Auge oder ein Beinchen entfernt werden musste, was aber der Lebensfreude der Tiere überhaupt keinen Abbruch tat. Ebenso setzten wir den kleinen, stark behinderten Monty auf die Ausreiseliste. Er wurde bereits mit vier deformierten Beinchen geboren. Weiterhin ein Welpe, der offensichtlich mit einem unvollständig ausgebildeten Vorderbeinchen geboren wurde. Aber das sollte nicht alles sein. Wir fanden weitere Hunde mit verformten und krummen Beinen, die in Rumänien überhaupt keine Vermittlungschance haben. Und dann sahen wir auf der Krankenstation noch einen niedlichen Wurf mit Jack-Russell-Welpen. Beim genauen Betrachten stellten wir fest, dass einer der Kleinen KEINE Vorderbeine hatte. Er robbte seinen Geschwistern hinterher. Das war für uns sehr emotional und bedrückend. Wir konnten gar nicht anders als auch diesen gesamten Wurf mitzunehmen. Uns war sofort klar, dass der niedliche Zweibeiner zum Überleben ganz, ganz dringend unsere Unterstützung benötigt. Also schmiedeten wir schon vor Ort Pläne, wie wir mit den hilfebedürftigen Schützlingen zuhause verfahren wollen. Vorstellung beim Spezialisten in Berlin, operative Eingriffe und Unterstützung durch orthopädische Hilfsmittel waren unser Ziel. Und das war eine goldrichtige Entscheidung, wie sich später herausstellen sollte ! [ Beitrag zu einem kleinen Sorgenkind ]

Es lohnt sich, für jedes einzelne Tier zu kämpfen. Wir sind der Meinung, dass Tierschutz nicht an der deutschen Grenze aufhört. Aus unserer langjährigen Erfahrung wissen wir, dass gerade ausländische Hunde meist sehr sozialverträglich mit Artgenossen sind und gut vermittelt werden können. Alle Tiere reisen selbstverständlich gechipt, geimpft und mit gültigen Impfausweisen in Deutschland ein. Sie besitzen TRACES-Papiere und werden sowohl vor der Ausreise als auch nach der Ankunft tierärztlich untersucht.

Am letzten Tag unserer Reise begaben wir uns zu ganz früher Stunde auf den Weg in die SMEURA, um beim Auschecken „unserer“ Tiere dabei zu sein. Pünktlich um 6 Uhr fuhren die Transporter mit den ausgewählten Schützlingen los in ihre neue Zukunft nach Burg. Uns blieb nur das Daumendrücken für eine gute und komplikationslose Reise.

Ein besonderer Höhepunkt war die Begleitung des Kastrationsmobiles am letzten Tag unseres Besuches. Die Tierhilfe Hoffnung besitzt insgesamt drei komplett ausgestattete Mobile mit modernster OP-Technik. Jedes der drei Teams besteht aus einem Tierarzt und zwei Tierarzthelfern. Sie fahren an fünf Tagen wöchentlich das ganze Jahr über in weit entlegene Dorfregionen und kleine Gemeinden, in denen die Bewohner sonst keinerlei Möglichkeiten haben, in die Stadt zu kommen. Nach vorheriger Anmeldung werden dort täglich jeweils bis zu 30 Kastrationen von Besitzertieren vorgenommen. Gerade auf dem Land ist es so wichtig, der Bevölkerung diesen unentgeltlichen Service anzubieten, denn die Armut ist sehr, sehr groß. Es fehlt den Menschen an Geld oder auch Mobilität. Durch diese unermüdlichen Aktionen wird das Aussetzen der immer wieder neu geborenen Welpen von Hof- und Haushunden verhindert. Vorbei an malerischer Kulisse und atemberaubend schöner Landschaft erlebten wir vor Ort angekommen, dass es oberstes Gebot ist, behutsam und ohne erhobenen Zeigefinger mit den Tierhaltern umzugehen. Denn jegliche Bevormundung oder Zurechtweisung über eine schlechte Haltung ihrer Tiere würde sofort dazu führen, dass die Bevölkerung die Möglichkeit der Kastration nicht mehr nutzt. Leider ist das Bewusstsein für den respektvollen Umgang mit den Tieren noch sehr verhalten ausgeprägt. Deshalb gibt es für die Zukunft nur zwei Möglichkeiten, um das Tierelend nachhaltig zu mildern -  Aufklärung und Kastration. Ein Umdenken der Menschen findet nur sehr langsam und zögerlich statt und wird vermutlich noch Generationen benötigen. Verantwortung für das eigene Tier zu übernehmen stellt Neuland für die Besitzer dar. Das Vertrauen in die Tierärzte und die Überzeugung der Notwendigkeit einer Kastration muss von den Tierschützern täglich mit viel Fingerspitzengefühl hart erarbeitet werden. Ein sehr langer Weg liegt noch vor ihnen. Unfassbar, was die Ärzte und Helfer dort täglich im Akkord vollbringen. Wir waren sehr beeindruckt von dieser kräftezehrenden, vorbildlichen, gelebten Tierschutzarbeit.

Mit tausenden Bildern und Geschichten im Kopf und unglaublich vielen Eindrücken traten wir nach vier Tagen die Heimreise an. Und immer dieses mulmige Gefühl der Gewissheit, dass wir in so viele Augen geblickt haben, die wir leider nicht mitnehmen konnten. Dieser Gedanke war nur schwer auszuhalten! Andererseits aber auch die große Vorfreude auf viele Hunde, die wir ja bereits am frühen Morgen auf die Reise nach Deutschland geschickt hatten. Und auf die Schützlinge, die wir für die nächsten Transporte schon reserviert hatten.

Wir bedanken uns auf das Herzlichste für die hervorragende und engagierte Betreuung vor Ort und die herzliche Aufnahme. Matthias Schmidt und seinem gesamten Team wünschen wir die Kraft, niemals aufzuhören und immer genauso weiterzumachen. Ihr seid großartig und eure Arbeit ist beispielhaft!! Die Erfolge sind deutlich sichtbar und das ist es, was anspornt. 

Übrigens haben inzwischen schon etliche Schützlinge ein neues und liebevolles Zuhause gefunden. Auch unser kleiner Zweibeiner, der inzwischen den Namen Jack trägt, konnte in absolut kompetente Hände vermittelt werden. Er kurvt inzwischen wie ein Großer mit einem kleinen Rolli durch die Gegend! Daraus schöpfen wir die Kraft, die für unsere Arbeit oft benötigt wird, wenn es mal wieder Tiefschläge gibt. Einen schöneren Lohn als glücklich vermittelte Tiere in verantwortungsbewussten Familien zu wissen, gibt es einfach nicht!!!

Auf Wiedersehen, Rumänien! Wir kommen wieder, das ist versprochen!

 

Foto: Eingang der SMEURA

Fotoserien zu der Meldung


Impressionen unserer Reise (06.07.2019)